SPD Rielasingen-Worblingen

 

Reform auf Kosten der Menschenwürde?

Veröffentlicht in Presseecho


Erste Reihe von rechts: Dietmar Johann (AWO-Kreisvorsitzender), Hartmut Gebser (Sprecher der SPD-Kreissenioren)

VON JADIS WALDEN SÜDKURIER 18.06.2007
Was wird die Reform der Pflegeversicherung verändern? Beschäftigte aus Alten- und Pflegeeinrichtungen sorgen sich um ihre Zukunft und die ihrer Patienten.
Rielasingen-Worblingen - Ab heute stehen die Eckpunkte für die Reform der Pflegeversicherung zur Debatte, an denen die zuständigen Minister Ursula von der Leyen, Horst Seehofer und Ursula Schmidt bereits seit Wochen hinter geschlossenen Türen gezimmert haben.

Um sich ein detailliertes Bild davon machen zu können, wo es an der Peripherie der Pflege tatsächlich drückt und sorgt, bot sich Bundestagsabgeordneter Peter Friedrich (SPD) Beschäftigten von Pflege- und Altenheimen sowie ambulanten Pflegediensten im Altenheim St.Verena in Rielasingen zum gemeinsamen Austausch von Fakten an.

Zwei Millionen Deutsche erhalten aktuell verlässliche Leistungen aus der Pflegeversicherung; ihnen stehen rund 300000 examinierte Beschäftige im Pflegebereich gegenüber. Die statistische Zukunft sieht in 30 Jahren rund 1,7 Millionen Demenzkranke in Deutschland vor, daher müssten die Beiträge und Pflegesätze bereits heute erhöht und dynamisiert, und der tatsächliche Wert von Pflegeleistungen ins Bewusstsein der Bürger gerückt werden. Die Reform sehe die Anpassung aller Pflegesätze in drei Etappen bis 2012 vor. "Aber die Pflegeversicherung ist letzten Endes nur eine Teilkaskoversicherung", stellt Peter Friedrich klar. Eine Generalumstellung der Pflege sieht er nicht als tragfähige Lösung, die würde mehr gewachsene Landschaften zerstören als Probleme lösen, so glaubt er.

Reinhard Schulz setzt sich seit 25 Jahren für Verbesserungen in der Pflege ein. Aktuell ist er im Caritas-Pflegeheim in Gottmadingen tätig. Er stellte die immensen Regiekosten in der Pflegeversicherung an den Pranger, die Bürokratie alleine beanspruche 40 Prozent aller Gelder für sich. Einen minimalen Gewinn hätte sein Haus nur, wenn alle Pflegebedürftigen der Pflegestufe 2 zugeordnet wären.

Bürokratie

Untermauert wurden seine Zahlen von Dietmar Johann, Kreisvorsitzender der AWO: Die Heime würden von 60 verschiedenen Institutionen kontrolliert, die Einstufungen für die Pflegesätze nähmen zuviel Zeit und Aufwand in Anspruch. "Und am Ende schaut jeder nur in sein Töpfchen", so Johann. Die Würde der Patienten und Angehörigen fiele dabei aus dem richtigen Blickwinkel. Die Pflege-Einstufung durch Hausärzte und Krankenhäuser und die trägerübergreifende Abstimmung wäre hier einer von vielen richtigen Hebel.

Ambulante Pflegedienste klagten über steigende Selbstkostenanteile von Pflegebedürftigen, die zur Umsatzsteuerabgabe zwingen, über schlechte Kommunikation von Krankenhäusern bei Entlassungen von Pflegebedürftigen am Wochenende, die rechtslose Räume schaffen, wenn zum Beispiel Insulin gespritzt werden muss. Und oft fehlende Zusagen von Krankenkassen für die Übernahme von Pflegekosten endeten vielmals darin, dass die Pflegedienste auf bereits entstandenen Kosten sitzen blieben.

Der Bau eines privaten Pflegeheimes in Singen bereitet mit die größten Sorgen. Der Leiter des Michael-Herler-Heims in Singen, Matthias Frank, bezeichnet das Unterfangen als "Wahnsinn". Die Krankenhäuser im Land bauen Betten ab, die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass die Altenpflege zeitlich versetzt bei diesen Entwicklungen nachziehe. Denn tatsächlich greifen die demographischen Prognosen zur Vergreisung der Bevölkerung erst ab 2020.